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Evaluation oder: Was die OECD mit dem Dschungelcamp verbindet

Januar 8, 2012

Der folgende Text beschreibt nur ein Symptom eines korrumpierten oder bestenfalls verwirrten Zeitgeists, das, relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit, zu teilweise grotesken Diskrepanzen zwischen dem anfangs Beabsichtigtem und dem letztens Resultierendem führt . Die Rede ist vom Wahn zur Evaluation. Der Autor schreibt diese Zeilen mit der Hoffnung, dass sie das Interesse des Lesers für die angeführte Thematik stimulieren.

Das aus dem Englischen entliehene Wort „Evaluation“ wurzelt im Lateinischen „valere“, was man getrost mit „etwas einen Wert beimessen“ übersetzen kann. Die heute gängige Bedeutung kommt diesem morphologischem Stamm sehr nahe. Zeitgemäßer ausgedrückt, kann man sagen: Evaluieren heißt soviel wie Quantifizieren. Die Eigenschaften eines Objektes oder die aktuelle Beschaffenheit eines Sachverhalts werden in messbare Größen und Zahlenwerte umformuliert. Das Ergebnis wird danach einer kritischen Prüfung unterzogen. Entspricht es den Erwartungen? Wo liegen camouflierte Schwachpunkte? Gibt es eventuelle Optimierungsmöglichkeiten? Man zieht eine Bilanz, präziser: Evaluation ist sachkundiges, einer Zielgruppe adaptiertes Aufbereiten gesammelter Informationen mit abschätzendem Ausblick auf das Kommende mittels theoretischen Extrapolationen. Erreicht werden soll eine Qualitätssteigerung durch gezielte Verbesserung der für defizitär befundenen Komponenten. Dieses Verfahren hat sich vor allem auf dem Gebiet der Mikroökonomie bewährt um Schwachstellen aufzuspüren und eine Produktivitätssteigerung herbeizuführen. Gerade deshalb scheint es logisch und naheliegend auch andere Bereiche dieser vermeintlich objektiven Analyse zu unterziehen. Doch das ist ein Trugschluss: Auf den zweiten Blick zeigt sich welch widersprüchliche Konsequenzen dies zur Folge hat und wie anfangs einfacher pseudo-intellektueller Hochmut gesellschaftlichen Zwang oder sogar Hysterie entstehen lässt. Mit der fortschreitenden Ökonomiesierung der Gesellschaft expandiert auch die Vision der Zeitgenossen von der „Panquantifizierbarkeit“ der Dinge. Evaluiert wird überall und alles, vom Comforterlebniss des letzten Hotelaufenthalts bis hin zu der Beliebtheit des Geschmacks von Erdbeeraroma in Joghurt.

Belangvoller wird es, wenn es um die „Ratings“ von Geldanlagen, Renditen, Institutionen oder der Kreditwürdigkeit ganzer Staaten geht. Dass niemand die Autorität der evaluierenden Instanzen oder gar die Legitimität des Evaluierungsprozesses selbst hinterfragt beweist, wieweit sich dieser Ungeist mittlerweile in die Köpfe eingeschlichen hat. In den letzten Monaten haben sogenannte Ratingagenturen wesentlich dazu beigetragen, dass mehrere europäische Staaten Kredite zu ausschließlich überteuerten Zinsraten beziehen konnten indem sie den spekulativen Phantasmen des Finanzmarktes Gewicht und der eventuellen Zahlungsunfähigkeit besagter Staaten Realität verlieh. Dabei haben sie doch ihren Status als Koryphäe spätestens seit Lehman Brothers und Subprime-Krise längst eingebüßt. Trotzdem verlieren ihre Bewertungen, die sich hauptsächlich auf hinfällige ökonomische Dogmen und Eigeninteressen stützen, nicht an Tragweite. Pikantes Detail: Seit den 70er Jahren hat man von einem „subscriber pays”- zu einem “issuer pays”-Modell umgestellt: Die Ratingfirmen finanzieren sich nicht mehr durch die Einnahmen von den Kunden, die ihre Dienste beanspruchen wollen, sondern von den Unternehmen selbst, die ihre Aktien oder Finanzprodukte mithilfe eines, von vermeintlichen Experten ausgestellten, positiven Prädikats leichter und zu höheren Preisen an den Mann bringen wollen. Klar ist auch: Je positiver die Bewertung, desto beliebter der Prüfer. Ein lukratives Geschäft also für alle, die die Vorteile besagter Produkte zu schätzen wissen. Aus dieser Sicht ist es albern, vielleicht sogar belustigend, in jedem Fall aber zeugt es von Einfallslosigkeit wenn Ratingagenturen ihre „besten“ Produkte mit Triple-A auszeichnen und sich dadurch einen Vorteil verschaffen wollen. Wann wohl jemand auf die Idee kommen wird das Quattro-A einzuführen? Begriffe wie Evaluation, Effizienz, Internationalisierung oder Wettbewerb sind Täuschungsmanöver an sich. Da niemand sich ihnen entziehen kann weil dies einem Eingeständnis ihres entsprechenden Gegenteils gleichkommt, muss jeder sich ihnen stellen. Man kann nicht gegen Fortschritt, Modernisierung oder Leistungsoptimierung sein, deswegen ist man automatisch dafür. Wer nicht als rückständig, ausgedient oder provinziell gelten will, muss in den neuen Kategorien denken. Angebrachte Vorsicht oder kritisches Hinterfragen sind dabei überflüssig. Ihr inflationärer Gebrauch immunisiert jene Begriffe zusätzlich gegen jegliche Skepsis und fördert ihre blinde Assimilation. Evaluation mutiert zum heilbringenden Verfahren mit Recht auf Monopol. Qualität wird demzufolge mithilfe von Quantitäten bemessen. Hochwertig ist, was die gewünschten Zahlen liefert. Gewonnen hat, wer oben auf der Rangliste steht. Gute Arbeit wurde geleistet, wenn die geforderten Kriterien erfüllt wurden. Bestanden hat, wer Kompetenzgrade erreicht. Von Relevanz ist die Fernsehsendung mit der besten Quote.

Unbemerkt bleibt, dass das der Evaluation implizit enthaltene Auflösen von Qualitäten in Quantitäten den einfachen Gesetzen der Logik widerspricht. Deshalb hat das konsultative Geschäft Hochkonjunktur. Berater und Zukunftsmanager erklären den Ahnungslosen auf was es international ankommt, entgegen angemessener Bezahlung versteht sich. Wettbewerbsfähigkeit ist das Schlagwort. Wer beim internationalen Vergleich gut abschneidet überlebt, alle anderen müssen an Kompetitivität dazugewinnen wenn sie nicht auf der Strecke bleiben wollen. Durch den allgegenwärtigen Konkurrenzdruck sind sie den Testkriterien gnadenlos ausgeliefert. Diese sind aber per se in einer Theorie oder Ideologie verwurzelt. Deshalb verrät so manches Evaluationsergebnis mehr über den Evaluierer als über das Evaluierte. Hier stoßen wir auf ein der modernen Evaluation inhärentes Attribut: Sie schafft erst die Wirklichkeit, die sie zu bewerten vorgibt. Einfach und beängstigend skurril lässt sich dieser Vorgang im Bildungsbetrieb beobachten. International durchgeführte Studien haben gezeigt, dass Universitäten mit rationalisierter Unternehmensstruktur die besten Ergebnisse bringen. Wen wundert’s, wenn doch die Tests selbst die neoklassische Funktionsweise als überlegen ansehen? Flexibilität und Rationalisierung sind aus der Sicht der Tester unabdingbare Faktoren. Naiv und einfältig übernehmen europäische Politiker und Universitäten das amerikanische Bild von Hochleistungsbetrieben, die effizient und regelmäßig bedeutsame Wissenschaftler und ihre Publikationen wie am Band (so hört man) produzieren. Dass diese Produktionseffizienz von Akademikern und angeblichem Wissen aber rein gar nichts mit dem althumanistischen Bildungsauftrag der der Universitas zur Aufgabe gemacht wurde zu tun hat, scheint man einfach vergessen zu haben. Schon dass man den Wert einer wissenschaftlichen Leistung anhand der Anzahl von Publikationen ermessen will, spricht der klassischen Wissenschaftsidee Hohn und ist kennzeichnend für den Evaluationswahn unserer Zeit. Unterm Strich versucht man etwas was man in Übersee vermutet schlecht zu kopieren. Besonders die Geisteswissenschaften werden unter den anstehenden Rationalisierungsmaßnahmen zu leiden haben: Da eine Publikationsfrequenz vergleichbar mit der von Naturwissenschaften unerreichbar und sowieso nicht nachahmenswert ist, werden ihnen die finanziellen Mittel gekürzt. Qualität ist eben was sich beziffern lässt. In den universitären Fakultäten hätte man die nötigen Köpfe vermutet, die es gewusst hätten, sich gegen diesen Unsinn zu widersetzen.

Die jüngste Vergangenheit hat leider nur ihre Ohnmacht mit anschließender Infiltration von, oder ihre Resignation mit Kapitulation gefolgt von der notgedrungenen Zusammenarbeit mit einem überlegenen Gegner aufgezeigt. Evaluationsprozesse bergen immer normative Absichten, woraus sich ihre Abneigung gegen jegliche Ausnahmen ableitet. Bei Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte fällt auf, dass es doch immer das Außergewöhnliche, das aus der Rolle Fallende, das nicht Angepasste ist was grundlegende Innovation möglich macht. Evaluation ist somit zu einem Synonym für Sterilisation geworden. Allgemein gesehen, muss man dem Evaluationsbusiness zugestehen, dass die Gesellschaft heute aus den oben genannten Gründen nicht mehr auf ihn verzichten will. Dass sie damit aber gleichzeitig ihre Urteilskraft privatisiert hat, ist eine Tatsache, die die wenigsten erkannt haben.

P.M.

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