Unterhaltung am Nachmittag
Der folgende Ausschnitt aus einem Dialog zwischen einem älteren Herrn, den wir in der Folge Herrn Skepsis nennen, und einem jungen Mann kann dem angeregten Leser dazu dienen, einiges über die nächste Generation herauszufinden. Die ganze Konversation entsprang allerdings der Phantasie eines ebenso jungen Geistes, ist aber dessen Meinung nach aufrichtig genug, dass, wenn dieser Herr Skepsis und der angesprochene junge Mensch tatsächlich aufeinanderträfen, die beiden das Gespräch auch so oder so ähnlich führen würden. Stattfinden könnte die Begegnung typischerweise in der entspannten Nachmittagsatmosphäre eines gemütlichen Cafés, irgendwo in Europa. Skepsis übernimmt dabei instinktiv die Rolle des sokratischen Fragestellers, da er offensichtlich mehr über die Ansichten des aufstrebenden Gegenübers in Erfahrung bringen möchte. Da der Autor dieser Zeilen ein Altersgenosse des jüngeren ist, verrät der Text möglicherweise mehr über die nächste Generation als ihm zugetraut worden ist.
Skepsis : « Junger Mensch ! Da wir uns jetzt etwas besser kennen gelernt haben, und uns das Reden freier fällt nach dem süßen Genuss etwaigen alkoholischen Katalysatoren, muss ich Ihnen gestehen, dass Sie mit Ihren geistreichen Bemerkungen und Ihrem ansteckenden Enthusiasmus meine Neugierde geweckt haben. Erlauben Sie mir, dass ich mich bei Ihnen über Ihre Anschauungen verschiedener Themen erkunde? »
« Gerne, wenn ich ihnen nicht zu idealistisch wirke… »
« Nein, ganz im Gegenteil. Also, verzeihen Sie die plumpe Frage, aber es scheint mir ein guter Ausgangspunkt zu sein: Was halten Sie vom Kapitalismus? »
Grinsende Antwort: « Diese Frage kann ich bereits nicht zur Genüge beantworten. Das tiefliegende Problem bei solchen ideologischen Fragen liegt vielleicht zum Teil in der Wirtschaftslehre, da es unmöglich ist gewisse ökonomische Entwicklungen exakt vorauszusagen, was ein erheblicher Unterschied zu den klassischen Wissenschaften darstellt. Bei letzteren lässt sich bei gleichen experimentellen Bedingungen per definitionem das gleiche Resultat reproduzieren, wohingegen man bei der Wirtschaftslehre die theoretischen Modelle meist nur ungenügend prüfen kann. Deshalb entsteht viel Platz für Polemik, bei der die gesellschaftliche Position eines jeden Einzelnen -damit meine ich die ihm zur Verfügung stehenden finanziellen, mentalen und moralischen Ressourcen- in dessen Urteil mit einfließt. Trotzdem, behaupte ich, dass das breite Vertrauen in den freien Markt und den neoliberalen Kapitalismus spätestens seit der Finanzkrise geschwunden ist – wenigstens bei denen, die sich nicht an ihr bereichert haben. »
« Aber was denken Sie? Nachkommende Generationen stehen oft für einen gesellschaftlichen Umbruch ein. Sehen Sie eine Revolution in horizontaler Ferne? Wäre für Sie ein sozialistisches System vielleicht eine Alternative? »
« Sie hängen noch immer im ideologieverliebten 20. Jahrhundert fest. Der Kommunismus wird nicht mehr unter seiner totalitären Form zurückkehren, genauso wenig wie der von Wachstumsakzeleration abhängige Kapitalismus nicht zukunftsfähig ist und deshalb auch verschwinden wird. Die meisten Bewohner der westlichen Sphäre haben den Kommunismus als gesellschaftshistorisches Experiment archiviert, weigern sich aber immer noch sich zu einem Umdenken in ihrem Rohstoff intensiven Leben zu bewegen und zu erkennen, dass sie momentan in Wahrheit nur ein hedonistisches Zwischenspiel erleben. Das größte Problem der Menschheit wird kein systembehaftetes, sondern ein ökologisches sein. Ihre prognostische Intelligenz muss erkennen, dass der Planet Erde eine unmultiplizierbare Eins darstellt. Berechnungen zufolge bräuchte die Menschheit, würde der westliche Lebensstil auf alle Menschen ausgeweitet, ganze 4 Erden. Daher sind wir alle Autodidakten, die dazu verurteilt sind, sich die nötigen Lektionen ohne Lehrer anzueignen. »
« Kennen Sie Phileas Fogg? Ihre Analyse erinnert mich an eine grandiose Metapher Jules Vernes’: In seinen 80 Tagen um die Welt gehen Mister Fogg auf der letzten Etappe seiner Reise während der Atlantiküberquerung die Kohlenreserven aus mit denen die Dampfmaschinen das Schiff durch den Ozean antreiben. Fogg beginnt die Holzbauten des eigenen Schiffes abzureißen und an die lodernden Öfen zu verfüttern….»
« …womit Vernes uns ein treffendes Sinnbild für unser industrielles Zeitalter liefert… »
« Genau. Ich glaube, wir beide stimmen darin überein, dass, um bei der Seefahrt zu verweilen, wenn die Menschheit diesen Kurs beibehält, sie das rettende Festland nicht erreichen wird. Glauben Sie, dass Ihre Generation wieder zu einer, wenn auch nicht symbiotischen dann wenigstens eine von der Erde tolerierten Lebensweise zurückfinden wird? »
« Sie wird dazu gezwungen sein! Dies könnte man durchaus als Revolution bezeichnen, wenn Sie so wollen. Es handelt sich um nichts Geringeres als einen Entwurf einer neuartigen Ethik, dessen globale Gültigkeit bereits heute von den meteorologischen Spähern reklamiert wird. Aus Wachstum wird Selbstbeschränkung, auf Maximierung folgt Minimierung, Ausbeutung wird durch Nachhaltigkeit ersetzt, Verschwendung wird missbilligt, Sparsamkeit belohnt, wo bisher ein « Carpe diem-Materialismus » angesagt war entsteht Generationengerechtigkeit. Paradox ist es allerdings: Die Globalisierung des Wohlstandes führt zur Feststellung, dass global gesehen nur etwas zu allgemeiner Anwendbarkeit taugt: Frugalität! »
« Das was Sie beschreiben wird heutzutage in dem Begriff « nachhaltige Entwicklung » politisiert. Das Heil zukünftiger Generationen findet sich also im « Think global, act local! » wieder? »
Man überlegt und es entsteht eine kurze Pause.
« Bis auf die grammatischen Unzulänglichkeiten stimme Ich dem Gesagten voll und ganz zu. Die Schaffung eines biokompatiblen Modus Vivendi wird als einzig moralisch und ökonomisch rentable Lösung übrig bleiben und findet im genannten Imperativ ihre medial-propagierte Formulierung. Resignation, Defätismus und nach-uns-die–Sintflut-Gesinnungen wird befohlen einem Demut schenkenden Kosmopolitismus und einem die Initiative ergreifenden kreativen Handeln Platz zu machen. In einer ökonomischen Betrachtungsweise nimmt diese unscheinbare und banal anmutende Formel die Dezentralisation des Kapitalismus vorweg. Anschaulich lässt sich dies an Hand des Wandels in der Energieproduktion erklären: Erneuerbare Energien, die aus Sonne, Wind, Wasser, den ozeanischen Gezeitenströmungen und aus Biomasse gewonnen werden, können lokal erzeugt und ins gemeinsame Stromnetz eingespeist werden. Einzelne energieerzeugende Einheiten sind Satelliten des « act locally », die, zum Kollektiv zusammengeschlossen, eine Demokratisierung des Zugangs zur Energie bewirken werden. Ebenso wird sich diese Tendenz in multiplen Bereichen unserer Gesellschaft ausbreiten. Schon heute stellen Millionen Internetbenutzer ihr Wissen kostenlos allen anderen zur Verfügung. Kollaboration ist das Modell der Zukunft. »
« Wieso sind Sie so sicher, dass die Welt kollaborieren wird? »
« Think globally, Herr Skepsis! Es gibt nämlich gewisse Anzeichen, dass unsere Gesellschaft in ihrer empathischen Entwicklung auf nie gekannte Höchstwerte zusteuert. Technologie- und Kommunikationsrevolutionen bieten den Menschen die Gelegenheit, ein erweitertes Empathiebewusstsein auszubilden. Expliziter gesagt: Internet und digitale Medien lassen Zeitgrenzen fallen, Distanzen schrumpfen. Wegschauen ist nicht mehr möglich. Bei rezenten Naturkatastrophen kam es weltweit zu einer regelrechten Explosion der Anteilnahme. Was den Menschen näher kommt, geht ihnen nahe. Unter diesem Aspekt entsteht der Eindruck, als schaffe die Vernetzung der Welt die nötigen psychologischen Bedingungen, die es scheinbar ermöglichen den vorhandenen Willen zum Handeln mit den aktuellen Vorstellungen für das Gute und Richtige zu liieren und die entstandene Verbindung zu einer vielleicht mondialen Dynamik anwachsen zu lassen. Erst eine empathisch reife Menschheit wird erkennen, dass wir alle im selben Boot sitzen! »
« Wenn ich die letzten 4000 Jahre Zivilisationsgeschichte betrachte, habe ich jedoch meine Bedenken was die menschliche Fähigkeit zur Empathie betrifft… Doch auch wenn Ihre These stimmen sollte, dass das menschliche empathische Vermögen mithilfe komplexeren Kommunikationsstrukturen und fortschrittlicherer technologischen Ausstattung zu einer neuen asketischen Lebensführung in einem alternativen technischen Rahmen führen kann, woher wissen Sie, dass die Zivilisation dieses Stadium rechtzeitig erreichen wird? »
P.M.